Festschrift zum 125. Jahrestag
Grußwort des Bezirksbürgermeisters von Berlin-Mitte, Dr. Christian Hanke, zum 125. Geburtstag der Schrippenkirche
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Schrippenkirche,
wir feiern 125 Jahre „Schrippenkirche“ – ein Geburtstag, der zwar noch kein ganz biblisches Alter darstellt, aber für menschliche Verhältnisse Generationen umfasst. Die gesellschaftlichen Verhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert sind für uns heute kaum noch nachvollziehbar und dennoch ging es auch damals um menschliche Not und Orientierung in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Heute erinnert kaum noch etwas im Kiez an der Ackerstraße an diese Zeit des Aufschwungs und der sozialen Not.
Die „Schrippenkirche“ ist jedoch eines der – wenn nicht mehr letzten Baudenkmale, so doch kontinuierlichen - Symbole früherer Lebenshilfe. Constantin Liebich aus Breslau, Uhrmachersohn, ziemlich herumgekommen und mit menschlichem Elend vertraut, gründete hier 1882 mit ein paar Freunden den „Verein Dienst an Arbeitslosen“. Liebich rief: „Holt die Leute zu einem Gottesdienst, aber gebt ihnen vorher etwas zu essen, und sei es nur eine Tasse heißen Kaffees und ein paar Schrippen.“
Waren es anfangs nur wenige Dutzend Menschen, so kamen um die Jahrhundertwende schon mehr als tausend Menschen pro Tag, die Essen und Beistand suchten. Die Schrippen – ein Urberliner Ausdruck – gaben der Kirche ihren liebevollen-volkstümlichen Namen. Die frühen Christen erkannten sich in der Zeit der Verfolgung durch das Symbol des Fisches in Erinnerung an die wundersame Speisung Jesu. Für den Berliner Norden wurde die Schrippe zum Symbol der Diakonie und der christlichen Fürsorge für alle Menschen.
Seitdem ist viel geschehen. Es gab auch für die Schrippenkirche Höhen und Tiefen. Aber eines blieb: Die stete Suche nach Aufgabenbereichen, wo Menschen aktuell karitative Hilfe brauchen. Und ein Name, der seit 125 Jahren zum alten, neuen Wedding mit all seinen positiven, progressiven Aspekten gehört.
Ich wünsche unserer „Schrippenkirche“ weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit für die Menschen unseres Bezirkes und die flexible Innovationskraft, die unsere Stadt Berlin für die soziale Meisterung der Zukunft braucht.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christian Hanke
Grußwort des Generalsuperintendenten der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Martin-Michael Passauer, für die Festschrift zum 125. Jubiläum der Schrippenkirche
125 Jahre "Schrippenkirche" feiern wir im Jahr 2007. Was sich als Geschichte der Schrippenkirche darstellt ist immer auch eine Geschichte der Stadt Berlin und besonders der Kirche. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Geschichte dieser "Schrippenkirche" das Engagement von Menschen, die durch ihren Glauben angestiftet wurden, die Ärmsten der Armen nicht aus dem Blick zu verlieren. Nicht immer, oder nur in den seltensten Fällen, fanden sie dabei die Unterstützung derer, die Kirche in der Stadt repräsentierten. Umso größere Hochachtung müssen wir vor allen Menschen haben, die in der Zeit von sozialer Kälte, Armut und Ausgrenzung und planmäßiger Vernichtung von scheinbar unwertem Leben widersprochen und zu ihrem Glauben und dem daraus erwachsenem Engagement gestanden haben. Kein Mensch hat auf dieser Welt das Recht, einem anderen Menschen das Lebensrecht abzusprechen. So schallt es durch die Geschichte dieser Kirche und so schallt es auch durch die aller dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Es ist den Menschen um diesen Wohnbereich von Herzen zu danken, dass sie durch das eingetragene Markenzeichen "Schrippenkirche" immer wieder Angebote geschaffen haben, die Menschen ihr Selbstwertgefühl zurückgegeben haben. Auch die jüngste Geschichte zeigt, wie sehr das Engagement der Kirchengemeinde Versöhnung und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Wachsamkeit im Kiez beigetragen hat. Dieses Gebiet um die Ackerstraße und die Bernauer Straße ist zu einem Symbol für Freiheit, Gerechtigkeit und den Lebenswillen von Menschen geworden. Wir können als Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz trotz allen Versagens, stolz darauf sein, dass es immer wieder Menschen in unserer Kirchen gegeben hat und auch geben wird, die sich diese hervorragende Aufgabe gestellt haben. Deshalb bin ich Regina Scheer dankbar, dass sie die Geschichte so feinfühlig und sensibel wieder entdeckt hat. Besonderen Gefallen werden die Leserinnen und Leser an den Sprachschöpfungen damaliger Zeit finden, die immer etwas Typisches für Berlin zum Ausdruck bringen. Wortschöpfungen, die so zutreffend sind, dass man keine besseren erfinden könnte. So liest sich diese Festschrift, wie ein aufregendes Blatt Geschichte, das man nicht aus der Hand legen möchte. Ich wünsch dieser Festschrift viele Leserinnen und Leser und danke allen, die daran beteiligt sind. Möge unser guter Gott diese Gemeinde mit ihren Menschen und ihrer Tatkraft bei ihren wichtigen Werken weiter segnen. Die Bernauer Straße und die Ackerstraße sind aus dem kirchlichen Leben, angesichts gesellschaftspolitischer Veränderungen, überhaupt nicht wegzudenken. Gott sei dank, dass es diesen guten Ort auch heute gibt.
Martin-Michael Passauer
Generalsuperintendent
Grußwort des Superintendenten der evangelischen Kirchenkreise Wedding und Pankow,
Martin Kirchner, für die Festschrift zum 125. Jubiläum der Schrippenkirche
Auf 125 Jahre „Schrippenkirche“ zurück zu schauen, ist ein gleichermaßen spannendes wie aufregendes Unternehmen. Es ist beeindruckend, wie sich seit Constantin Liebich die Mitglieder des Vereines immer wieder durch die sozialen Schieflagen und Bedürftigkeiten ihrer Gegenwart haben herausfordern lassen. Beeindruckend ist das Zeugnis des Vereins durch die Taten seiner Mitglieder und die Gaben seiner Förderer. Sie hatten den Anspruch, Würde zu erhalten und der Hoffnung im Einzelnen Raum zu verschaffen.
125 Jahre „Schrippenkirche“ das ist eine lange Segensgeschichte für unseren Bezirk Wedding – bis in die Gegenwart hinein. Der moderne Zuschnitt der gegenwärtigen Angebote des Vereins für Alte und für Menschen mit Behinderungen sind authentisches Zeugnis der Zuwendung zum bedürftigen Nächsten aus der Kraft des Glaubens an den dreieinigen Gott.
„Andern helfen, stark zu sein!“, dieses Motto wird gelebt in der „Schrippenkirche“, wird gelebt in der Versöhnungsgemeinde nebenan. Menschen begegnen sich hier und dort, Menschen sind interessiert aneinander, fragen nach dem Befinden. Hände werden gereicht, tröstende Worte gesprochen, Nähe geschenkt und Hilfen gewährt. Was für ein Segen, wo solches geschieht, nicht als Sensation, sondern aus der tiefen Erkenntnis heraus, dass wir Menschen grundsätzlich der Zuwendung eines anderen bedürftig sind, dass wir immer angewiesen sind auf die Freundlichkeit derer, mit denen wir Leben teilen.
Der Wedding ist in seiner Geschichte bis heute ein Stadtbezirk, in dem beides, die Bedürftigkeit und das Angewiesensein besonders deutlich sind. Armut, Einsamkeit, unzureichende Bildung der Kinder, Schutz der Schwachen, das sind nach wie vor die Herausforderungen, denen es gilt mit Entschiedenheit und Tatkraft zu begegnen. Armenspeisungen („Laib und Seele“) erreichen z.Z. wöchentlich 600 Menschen im Umfeld der „Schrippenkirche“. Die Arbeit in den Kindertagesstätten der Nachbarschaft ist ausgerichtet an dem Bemühen, den Kindern trotz der ärmlichen Verhältnisse Chancen zu ermöglichen. Mit der Hinwendung zu den Alten und Schwachen nimmt der Verein Schrippenkirche e.V. einen weiteren wichtigen diakonischen Auftrag an.
Wir danken für alle, die dies möglich machen und bitten um Treue, ein gutes Gespür für das gerade Notwendige und die Menschenfreundlichkeit, die die Arbeit durch die Zeiten hindurch so unverwechselbar sein lässt.
Gott sei mit Ihnen!
M. Kirchner
Superintendent der evangelischen Kirchenkreise Wedding und Pankow
Anderen helfen, stark zu sein!
